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Knobelritters Spielearchiv - Obsession

Art des Spiels: Arbeitereinsetz- 
                und Kartenspiel
Spieleautor:    Dan Hallagan
Verlag:         Strohmann Games
Jahrgang:       2024
Spielerzahl:    1 bis 4 Spieler
Alter:          ab 14 Jahren
Dauer:          30 bis 90 Minuten
Preis:          € 61,90

Zielgruppe:     Spielexperten ++

Einleitung

Im späten 18. Jahrhundert durchlebte unsere Familie schwere Zeiten, wie fast alle adeligen Familien hier in der englischen Grafschaft Derbyshire. Aber jetzt - Mitte des 19. Jahrhunderts - befinden wir uns etwas im Umbruch. Um unseren angeschlagenen Ruf wiederherzustellen, modernisieren wir unsere Landgüter, stellen neues Personal ein und veranstalten Aktivitäten, um angesehene Gäste einzuladen. Und vielleicht gelingt es uns auf diese Weise, das Interesse der Fairchilds-Geschwister zu wecken. Die Heirat eines unserer Kinder mit diesen reichen Erben würde unsere Familie wieder zurück an die Spitze der gesellschaftlichen Ordnung bringen.

Spielbeschreibung

Noch ist es aber nicht so weit, es liegt viel "Arbeit" vor uns. Unsere Familie besteht aus 4 Personen (Vater, Mutter, Sohn und Tochter), unser Landgut anfangs gerade mal aus ein paar Ausbauten, wie ein Arbeitszimmer im Herrenhaus, einen großen Pavillon im Anwesen oder einen Bouleplatz, Als Personal stehen uns ein Lakai, ein Butler, eine Hausdame, eine Zofe und ein Kammerdiener zur Verfügung. Und Geld besitzen wir ohnehin gar keines.

Dementsprechend leidet unser Ansehen, welches zu Beginn mit einem sehr, sehr bescheidenen Wert von "1" angegeben wird. Trotzdem kommen sehr gerne ein paar enge Freunde der Familie zu Besuch, was durch 2 Startgästekarten dargestellt wird. Ein paar Startkarten noch, welche unsere geplanten Ziele vorgeben, und schon stürzen wir uns frohen Mutes in ein hoffentlich erfolgreiches Jahr.

In jedem der uns bevorstehenden 12 Monate führen wir - nachdem wir Bedienstete bereit gemacht haben - eine Aktivität durch. Dazu legen wir eines unserer Ausbau-plättchen auf das entsprechend gekennzeichnete Feld unseres Familientableaus. Das Plättchen gibt an, welche Aktivität wir veranstalten (beispielsweise ein "Boulespiel" am Bouleplatz), und welche sowie wie viele Gäste wir dafür einladen müssen (in unserem Beispiel zwei beliebige Adlige), woraufhin wir dafür passende Karten vor uns auslegen. Allerdings dürfen wir weder ein Plättchen noch Gäste dafür einsetzen, deren Wert über dem unseres aktuellen Ansehens liegt.

Anschließend müssen wir sowohl das auf dem Plättchen als auch auf den Karten angegebene Personal abstellen, indem wir sie vom Feld der verfügbaren Bediensteten nehmen und auf die entsprechenden Markierungen auf dem Plättchen und der Karten stellen. Familienmitglieder beanspruchen nie Personal, die anderen Gäste zwischen 0 und 2 bestimmte Bedienstete.

Schließlich ernten wir die Früchte unserer Bemühungen. Das Plättchen selbst verschafft uns schon einen Vorteil (beispielsweise 200 Pfund Einnahmen durch das Boulespiel). Alle teilnehmenden Gäste wiederum bringen uns sogenannte Gefälligkeiten. Dies können weitere Einnahmen (lukrative Geschäfte durch neu geschaffene Kontakte) oder ein Zuwachs an Ansehen sein, oder auch neue Gäste, welche durch diese Aktivität angelockt werden.

Nach der Aktivität muss sich das eingesetzte Personal mal ausruhen (auf das Feld "Genutzte Bedienstete" stellen), die Gäste kommen weg (auf einen Ablagestapel), und das Plättchen wandert zurück unterhalb unseres Familientableaus, wobei es in den meisten Fällen auf die Rückseite gedreht wird. Zum Abschluss unseres Zuges können wir ein neues Ausbauplättchen vom Handwerksmarkt erwerben, indem wir den angegebenen Preis in Pfund entrichten.

Nach jeweils 3 Monaten folgt eine Werbungsrunde, in der wir um die Gunst der Fairchilds werben. Eine Interessenkarte gibt an, auf was die Fairchild gerade besonders Wert legen, auf ein schönes Herrenhaus, kompetentes Personal, ein gepflegtes Anwesen, auf Prestige oder sportliche Aktivitäten. Gelingt es uns, sie mehr als die konkurrierenden Familien zu beeindrucken, beehrt uns ein Fairchild-Spross im nächsten Quartal mit einem Besuch, außerdem erhalten wir als Belohnung eine Siegpunktkarte. Allerdings müssen wir in einer Werbungsrunde auch immer eines unserer Ziele aufgeben, also eine Zielkarte abwerfen.

Nach genau einem Jahr, also der 12. Aktionsrunde, sowie einer finalen Werbungs-runde, ist das Spiel zu Ende. In einer Schlusswertung ermitteln wir, wie gut wir uns geschlagen haben, wie erfolgreich wir beim Versuch waren, den Ruf unserer Familie wiederherzustellen. Wir addieren die Punkte all unserer Gästekarten und unserer Ausbauten. Dazu kommen noch 2 Punkte für jeden unserer Bediensteten, die Punkte unserer Siegpunktkarten und erfüllten Zielkarten, sowie für verbliebenes Restgeld.

Und auch unser Ansehen bringt noch wertvolle Punkte (laut einer Tabelle) ein. Können wir insgesamt die meisten Siegpunkte vorweisen, haben wir uns gegen unsere lieben Konkurrenten durchgesetzt und uns als einflussreichste Familie in Derbyshire etabliert.

Fazit

Ich muss mal vorwegschicken, dass das Thema echt nicht meins ist. Ich bin kein Fan von Jane Austen und ihren Romanen ("Stolz und Vorurteil", "Sinn und Sinnlichkeit", etc.), ich habe mir noch keine einzige Folge von "Downton Abbey" angeschaut. Das Setting im viktorianischen England Mitte des 19. Jahrhunderts löst bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Nur die guten Referenzen und positiven Bewertungen konnten mich überhaupt davon überzeugen, das Spiel "Obsession" doch einmal auszuprobieren.

Umso positiver war ich dann überrascht, dass mich das Spiel doch einigermaßen "gepackt" hat. Dem Autor und seinen vielen Helferlein ist es zu verdanken, dass alles sehr schlüssig und stimmig in die Geschichte eingebettet wurde. Im Glossar wird die Hintergrundstory erzählt. Flavourtexte auf den Karten, in der Spielanleitung und im Glossar erklären den Zusammenhang jeder Regel mit dem Viktorianischen Zeitalter. Die grafische Gestaltung, die Schwarzweiß-Fotos auf den Gästekarten - es steckt viel Liebe zum Detail und viel Arbeit in "Obsession". Das macht alles sehr authentisch und zieht den Spieler sofort in den Bann.

Wichtiger für uns Ludomanen ist jedoch, ob "Obsession" auch spielerisch überzeugen kann. Hier treffen wir auf zwei bekannte und beliebte Spielmechanismen. Bedienstete - das ist schon prädestiniert für Arbeitereinsatz. Wir brauchen unser Personal, um einerseits die geplante Aktivität (das gewählte Plättchen) zu betreuen, andererseits um die Wünsche und Bedürfnisse der Gäste zu erfüllen.

Dabei müssen wir auf die unterschiedlichen Bediensteten achten: Der Butler (blau) ist für prestigeträchtige Anlässe, sowie für das Einstellen neuen Personals zuständig. Der Lakai (weiß) bedient bei den meisten Aktivitäten im Freien und kann unter Umständen für einen Kammerdiener einspringen. Der Kammerdiener (grün) betreut meist männliche Gäste, die Zofe (violett) kümmert sich hauptsächlich um die persönliche Betreuung der weiblichen Gäste. Unsere Haumeisterin (rot) leistet Dienste bei allen Essensaktivitäten und kann für eine Zofe einspringen.

Das Arbeitermanagement bedarf ebenfalls genauer Planung. Jedes Personal, welches wir einsetzen, wird danach auf das Feld "Genutzte Bedienstete" gestellt, wo es sich ausruhen kann. Es steht uns daher normalerweise erst in der übernächsten Runde wieder zur Verfügung. Dies verlangt kluge Voraussicht und geschicktes Timing, um stets die passenden Bediensteten einsetzen zu können. Die Einstellung neuen Personals (durch den Butler) wirkt sich diesbezüglich ebenfalls positiv auf die Verfügbarkeit von Bediensteten aus.

Der zweite vorkommende Mechanismus ist so eine Art Deckbau. Unsere Starthand besteht aus unseren vier Familienmitgliedern und 2 Startgästen (entweder zufällig zugeteilt oder gedraftet). Für eine Aktivität eingesetzte Karten kommen allerdings auf den Ablagestapel, weshalb es notwendig ist, durch "Gefälligkeiten" neue Gäste einzuladen. Dies können Gelegenheitsgäste sein, erkennbar an 1 Lilie unter dem Prestigewert, oder Prestigegäste (2 Lilien).

Prestigegäste sind natürlich besser, da sie bessere Gefälligkeiten mit sich bringen (höhere Einnahmen, mehr Ansehen, etc., bei ganz besonders prestigeträchtigen sogar Siegpunkte). Allerdings können wir sie erst zu Aktivitäten einsetzen, sobald unser Ansehen mindestens ihrem Prestigewert entspricht. Unter den Gelegenheitsgästen befinden sich hingegen manchmal auch welche, die nicht sehr erwünscht sind, weil sie uns Geld oder Ansehen kosten und zusätzlich noch Minuspunkte bei der Schlusswertung bringen. Dem Herrn sei Dank, dass einige Karten (zum Beispiel die Mutter der Familie) und so manche Aktivität die Möglichkeit bieten, solche unliebsamen Gäste wieder loszuwerden ("verabschieden").

Trotz neuer Gäste wird es ab und zu notwendig sein, die alternative Zugmöglichkeit "Passen" zu nutzen, um wieder alle Karten vom Ablagestapel auf die Hand zu bekommen.

Für jede Aktivität wird ja ein Ausbauplättchen benötigt. Die 5 Start-Ausbauplättchen sind zwar wichtig, weil wir uns - das Ansehen betreffend - noch keine höherwertigen Aktivitäten leisten können. Um allerdings zu reüssieren, brauchen wir bessere Ausbauten, sowohl um unsere Siegpunkte zu steigern als auch um prestigeträchtigere Aktivitäten mit zum Teil viel mehr (lukrativen) Gästen veranstalten zu können. Dem Kauf am Handwerksmarkt am Ende unseres Zuges kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Zudem sollten unsere neuen Plättchen sowohl zur Zusammensetzung unseres Personalstands als auch zu den Vorlieben und Interessen der Fairchilds passen, um in der Werbungsrunde erfolgreich zu sein.

In manchen Runden findet ein Ereignis statt, welches meist positive Auswirkungen hat. Beispielsweise erhalten wir bei einem "Dorffest" zusätzliches Ansehen und Geld, vorausgesetzt, wir haben vorher schon mal unser Arbeitszimmer für dessen Planung aktiviert. Auf der Rundenübersicht sind Zeitpunkt und Art jedes Ereignisses genau angegeben. In der Standardpartie geht eine Partie über insgesamt 16 Runden, nämlich je drei Aktionsrunden vor jeder der vier Werbungsrunden.

Die Rückseite der Rundenübersicht zeigt den Ablauf für die Erweiterte Partie, welche je vier Aktionsrunden vor jeder Werbungsrunde aufweist. Eine Erweiterte Partie dauert also um ein Drittel länger als die Standardpartie, nämlich insgesamt 20 Runden. Es ist also möglich, mehr Ansehen zu erhalten, und damit auch bessere Aktivitäten mit vielen und prestigeträchtigeren Gästen zu veranstalten. Mir persönlich reicht allerdings eine Standardpartie mit einer Spieldauer von etwa 90 bis 120 Minuten, selbst da schafften wir zum Teil schon äußerst lukrative Veranstaltungen. Der Mehraufwand für die längere Partie rechnet sich daher meines Erachtens nicht wirklich.

Es gibt auch einen Solo-Modus, bei dem wir gegen eine durch eine Solo-Karte vorgegebene konkurrierende Familie antreten, deren Aktion am Handwerksmarkt mit einem 20-seitigen Würfel gesteuert wird. Dies funktioniert recht gut.

Das Spielmaterial ist recht üppig. Neben vielen unterschiedlich gestalteten Holzfiguren für die Bediensteten, stabilen Plättchen, wunderschön illustrierten Karten und einem Beutel für die Ausbauplättchen fallen vor allem die Schachteln aus dickem Karton auf, welche zur geordneten Unterbringung des Materials dienen. Jede Familie hat somit sofort ihr zur Verfügung stehendes Material parat. Zwei weitere in der Schachtel beinhaltete Familienboxen sind bereits für die Erweiterung vorgesehen.

Es sind nämlich mittlerweile schon zwei Erweiterungen erschienen. Die "Wessex"-Erweiterung bringt neben einer neuen Familie (Wessex) neue Ausbauten, Adelskarten und Sologegner. Die Erweiterung "Upstairs Downstairs" führt die Familie Howard ein, sowie neue Bedienstete (Köchin, Hausmeister, Laufbursche, etc.). Für mich steht es außer Frage, dass ich diese beiden Erweiterungen unbedingt haben muss.

Bereits aus dem letzten Satz des vorhergehenden Absatzes lässt sich unzweifelhaft herauslesen, dass mir "Obsession" außergewöhnlich gut gefällt. Von mir bekommt das Spiel deshalb - trotz des eigentlich ungeliebten Themas - ganz klar ein "like".

Franky Bayer

Bewertung: 4½ Schilde